Historisches Ruhrtal

Das Ruhrtal hat eine lange traditionsreiche Geschichte und den Fluss hinab gibt es rechts und links der Ufer zahlreiche spannende Geschichten über diese Ereignisse zu hören:
Siedlungsgeschichte und Christianisierung hängen wie andern Orts eng zusammen. In den Klosterakten der Abtei Werden (Essen) sind viele Ruhrtalstädte zum ersten Mal namentlich erwähnt - zur genaueren Erhebung der Kirchensteuer. Gleichfalls soll hier in Werden die Reformation ihren Einzug in Essen begonnen haben. (Kirchen-)politische Auseinandersetzungen zwischen Rheinländern und Westfalen, Kurkölnern und Märkischen haben immer wieder einst stolze Burgen zu Ruinen geschleift und benachbarte Städte um ihren Spitzenplatz als regionaler Kornmarkt kämpfen lassen. In späteren Zeiten wurde erst gemeinsam gebetet, dabei gleichzeitig die Anwesenheit überprüft und dann in vereinten Kräften nach schwarzem Gold gegraben.
Bei alledem sind natürlich eine Reihe spannender Geschichten entstanden, die gerne weitererzählt werden und vor Ort ihrer Überprüfung harren:
Wer hört in mondbeschienener Nacht das Wehklagen der Burgherrin tief unten aus dem Brunnen der Isenburg-Ruine? War der Kattenturm nun wirklich einst ein Piratennest an der Ruhr? Haben tatsächlich Klabautermänner immer wieder ehrbare Fährleute bei Nacht und Nebel auf den schwierigen Passagen über den Fluss kielgeholt? Und wie war das noch mit dem Hirtenjungen und der Kälte und dem Lagerfeuer und den schmutzigen schwarzen Steinen...?

Vor der Kohle - Klöster, Burgen, Stadtentwicklung

Kirchengeschichte präsentiert sich im Ruhrtal in malerischer Umgebung.
Inmitten von Wäldern und Hügeln, umgeben von kleinen Bauernhöfen liegt oberhalb des Kemnader Sees der Bochumer Stadtteil Stiepel - einer der ältesten Wallfahrtsorte Deutschlands. Das Marienbild der "Schmerzhaften Mutter von Stiepel" ist unterdessen von der inzwischen evangelischen Dorfkirche (erbaut 1008) ins Zisterzienserkloster umgezogen. Nach über 600 Jahren ist dieses Kloster die erste Neugründung des österreichischen Stiftes Heiligenkreuz auf deutschem Boden. Unterhalb des Baldeney-Sees wartet der Essener Stadtteil Werden darauf, entdeckt zu werden. Ein Spaziergang über die Brehminsel und durch den liebevoll restaurierten Ortskern führt vorbei an St. Lucius, der ältesten klosterunabhängigen Pfarrkirche nördlich der Alpen. Die Schatzkammer der nahegelegenen Propsteikirche St. Ludgerus (1993 vom Papst zur Basilika erhoben) steht allen Freunden kirchlicher Kunst offen.

Burgen und Schlösser warten im Ruhrtal hinter nahezu jeder Flussbiegung

Die Isenburg bei Hattingen stand trotz ihrer strategisch günstigen Lage und riesenhaften Ausdehnung von mehr als 200 Metern nur knappe 20 Jahre. Als Racheakt für einen Fememord wurde sie geschleift. Ihre steinernen Überreste bildeten anschließend das Fundament der Burg Blankenstein einige Windungen flussaufwärts. 
Kurios ist die Geschichte der "Freiheit" in Wetter: Erst mittelalterlicher Vorposten und Garant bürgerlicher Freiheitsrechte, dann als Verwaltungssitz Ausgangspunkt zahlreicher Gesetzesmaßnahmen für das Bergbauwesen durch den Freiherren vom Stein, anschließend umgebaut zur "Mechanischen Werkstatt Harkort & Co.", heute teilweise bewohnt, öffentlich zugänglich und in jedem Fall ein schöner Aussichtspunkt über den Harkortsee.

Mechanische Werkstätten in der Freiheit Wetter

Stadtentwicklung zu erforschen, bedeutet auch im Ruhrtal oftmals die nüchterne Entdeckung des "Wechselspiels" aus Monumentalbeton der Nachkriegsjahre und liebevoll restaurierten Straßenzügen. Wer beispielsweise bis zur Hattinger Altstadt vordringt, kann dort über 100 gut erhaltene oder restaurierte Fachwerkhäuser und Villen der Gründerzeit entdecken. Der Kirchturm von St. Georg tritt in direkte Konkurrenz zum schiefen Turm von Pisa. Und was ein Bügeleisen und ein Wohnhaus gemein haben können, muss man schon selbst gesehen haben.


Vor Ort - Hirtenjungen, Stahlkocher und Magnaten

Ob es wirklich ein Hirtenjunge war, der sich morgens an den Steinen um sein Lagerfeuer die Finger verbrannte und so die Kohle "erfand", wird auf immer ungeklärt bleiben. Allen Interessierten aber bietet der Bergbauwanderweg im Wittener Muttental die Möglichkeit, die "Wiege des Bergbaus" zu entdecken. Offene Fragen rund um das Kohlegraben, Stollen- und Tiefbau,  Wasserhaltung und Bewetterung werden auf diesem Gang durch das Naherholungsgebiet geklärt. Die Entwicklung vom einfachen "Püngen" über das Direktionsprinzip und die harten ungerechten Zeiten des "Wagen-Nullens" bis zur Montan-Mitbestimmung lebt hier wieder auf. Ein Besucherstollen, das Bethaus der Bergleute und das Gruben- und Feldbahnmuseum warten auf entdeckungsfreudige Ausflügler.
Von der Wiege des Bergbaus hin zum "Weg des Eisens" geht es im Westfälischen Industriemuseum Henrichshütte in Hattingen. Der rostige Gigant, ältester Hochofen des Reviers und Schauplatz erbitterter Arbeitskämpfe, wird umrankt von einem verwirrenden Gestrüpp aus Rohrleitungen, Treppen und Aufzügen. Die 55 Meter hohe Plattform des Ofens ist begehbar, das flüssige Eisen in der Schaugießerei des Museums eine weit und breit einmalige Attraktion.
Von Kohle und Stahl zu Gobelins und Gemälden. Auf Villa Hügel öffnet sich eine andere Seite der Ruhrgebietsgeschichte. Die ständige Ausstellung im Gästehaus erzählt die Geschichte der Familie und des Unternehmens Krupp und bietet Einblicke in die Entstehung von Musterzechen und Mustersiedlungen im Reich des "Ruhrgebietspatriarchen". 

Vor Schleusen und Stromschnellen - "Verkehrsberuhigung" durch Strukturwandel


Wahrscheinlich waren es nicht allein theologische Gründe, die die evangelische Gemeinde in Essen-Überruhr dazu veranlasste, ein Segelschiff in ihrem Siegel zu führen. Im 18. Jahrhundert war die Ruhr der meistbefahrene Fluss Deutschlands. Fähren bildeten über weite Strecken die einzige Verbindung von Nord- und Südufer. Die Kohlenkähne waren holländischen Plattbodenschiffen nicht unähnlich - zahlreiche Untiefen im Fluss erlaubten keinen übermäßigen Tiefgang. Flussabwärts ging die Fahrt meist unter Segel. Flussaufwärts erlaubte die Ruhr wegen mangelnder Breite kein Kreuzen gegen die Strömung - hier musste Muskelkraft eingesetzt werden. Wohlhabende Kapitäne ließen sich von Pferden entlang den Leinpfaden bergan ziehen.   
Schleusen wurden gebaut und später imposante und teilweise einzigartige Wasserkraftwerke. Stauseen entstanden - auch um die Wasserqualität der Ruhr einigermaßen erhalten zu können.
Zahllose Sagen und Geschichten entstanden hier auf dem Wasser und vielfältige industriegeschichtlich interessante Bauwerke entlang des Flusslaufes erzählen von dieser Zeit. Mit der Eisenbahn und ihren ebenfalls imposanten Viadukten über die Ruhr begann die "Verkehrsberuhigung" auf der Wasserstraße. Heute gehört der Fluss den Freizeitkapitänen in ihren Motor- und Segelyachten, den Surfern und Paddlern, den Tretbootfahrern und den Kleinskippern auf ihren Luftmatratzen. Wo früher die Kohle entlang rauschte, finden heute Kanupolo-Wettkämpfe, Ruder- und Segelregatten statt.

 
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