GSG macht mit bei neuer Form der Erinnerungsarbeit
Wie kann Erinnerung lebendig bleiben, wenn Zeitzeugen des Holocaust ihre Geschichte bald nicht mehr selbst erzählen können? Mit dieser Frage beschäftigten sich Schüler*Innen des Geschwister-Scholl-Gymnasiums im Rahmen eines besonderen Unterrichtsprojekts und gewannen damit neue Zugänge zur Erinnerungskultur.
Das Projekt Holo-voices, das derzeit auf der Zeche Zollverein zu sehen ist, sichert die Erfahrungsberichte von Holocaust-Überlebenden dauerhaft für kommende Generationen. Mithilfe Künstlicher Intelligenz und Hologramm-Technik werden originale Zeitzeugenaufnahmen fotorealistisch als dreidimensionale Hologramme dargestellt. So entsteht eine direkte und lebendige Form der Begegnung, die Fragen ermöglicht und historische Erfahrungen anschaulich macht.
Ariane Olek, Bereichsleiterin Ausstellungen des Vereins Zweitzeugen e.V., zeigte sich beeindruckt vom umfassenden Interesse der Schülerschar. Schließlich ist das Geschwister-Scholl-Gymnasium Wetter die bisher einzige Schule in NRW, die derart flächendeckend die Holo-Voices besucht. Der Verein Zweitzeugen e.V.
ermutigt junge Menschen dazu, die Geschichten von Holocaust-Überlebenden weiterzutragen und selbst Verantwortung für eine lebendige Erinnerungskultur zu übernehmen.
Ein Fernsehteam begleitete die Arbeit vor Ort und dokumentierte, wie die Lernenden die Module durchliefen, eigene Fragen entwickelten und die Antworten der Holo-Voices historisch einordneten. Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt überdies von der Wetteranerin Elisa Gernert, die im Nachgang der Projekttage Interviews mit Schüler*innen führte. So können Erfahrungen,
Eindrücke und Lernprozesse der Teilnehmenden systematisch erfasst werden.
Der Projekttag gliederte sich in drei inhaltlich miteinander verbundene Module.
Im ersten Modul stand nicht nur die Begegnung mit einer neuen Form der Erinnerung im Mittelpunkt, sondern auch die Frage nach ihren Möglichkeiten und Grenzen. Die Schülerinnen und Schüler stärkten ihr historisches Urteilsvermögen und ihre geschichtskulturelle Kompetenz, indem sie
reflektierten, wie Geschichte heute in Ausstellungen, digitalen Formaten, sozialen Medien oder journalistischen Beiträgen vermittelt wird.
Diese Kompetenz ist besonders wichtig, weil Lernende Geschichte zunehmend in vielfältigen öffentlichen Formaten begegnen. Sie müssen Quellen einordnen, Darstellungen vergleichen und erkennen können, wo historische Informationen verkürzt, manipuliert oder fehlerhaft wiedergegeben werden.
Ein zweiter Schwerpunkt lag auf der Geschichte der Zwangsarbeit im Ruhrgebiet. Eindrucksvoll war für die Schüler*innen dabei insbesondere, dass sie vielfältige Vergleiche zur Situation von Zwangsarbeiter*innen in Wetter ziehen konnten, deren Geschichte ihnen aus dem Unterricht bekannt war. Auch in Wetter (Ruhr) wurden sie vor aller Augen ausgebeutet, sollten vom Rest der
Bevölkerung getrennt werden und waren dadurch zusätzlich ausgegrenzt.
Zudem spielte die Nachgeschichte eine wichtige Rolle. Die Lernenden fragten danach, welche Karrieren Beteiligte nach dem Krieg fortsetzen konnten und wie Unternehmen mit ihrer Verantwortung umgingen. Am Beispiel der DEMAG wurde deutlich, dass eine vergleichsweise verantwortungsvolle und offene Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit möglich ist – auch wenn ein solcher Umgang keineswegs selbstverständlich war und bei vielen Unternehmen in Deutschland lange ausblieb oder bis heute nur zögerlich erfolgt.
Den Kern des Projekttages bildete die direkte Auseinandersetzung mit den Holo-Voices. Besonders die Möglichkeit, eigene Fragen zu stellen, machte für viele Lernende den Reiz des Formats aus. Eine Schülerin brachte dies auf den Punkt: „Dem Hologramm konnte man persönliche Fragen stellen. Das hat einen massiven Unterschied für mich gemacht, weil ich bei einem Video niemals die Frage hätte
stellen können, die ich selbst gehabt hätte.“
In der Ausstellung arbeiteten die Schüler*innen mit Fragen zu den Lebensläufen der Überlebenden. Dabei ging es nicht nur um einzelne Biografien, sondern auch um deren exemplarische Bedeutung: Persönliche Geschichten wurden zum Ausgangspunkt, um größere historische Zusammenhänge zu verstehen und die Folgen von Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt
zu begreifen. Ein Schüler beschrieb diese Wirkung so: „Das Projekt bringt einem bei, dass Geschichte nicht nur Geschichte ist, sondern dass Geschichte immer Menschen beinhaltet. Wenn man das noch einmal aus der Perspektive einer Person sieht, hat das eine ganz andere Wirkung.“ Das Experiment, sich mit einer derart großen Zahl von Schüler*innen auf die Holo-Voices einzulassen, mündete somit in eindrucksvollen Erfahrungen.
Text / Foto: GSG Wetter (Ruhr)
