Auszubildende recherchieren über Zwangsarbeit und jüdische Familie Teichmann: Ausstellung in der Stadtbücherei

Am Anfang stand eine Exkursion nach München und Dachau: Die beiden städtischen Azubis Jill Paß (Archiv) und Marija Bagarić (Bücherei) besuchten im Rahmen ihrer Ausbildung neben der KZ-Gedenkstätte Dachau auch das NS-Dokumentationszentrum in München. „Dort war eines der Themen die Zwangsarbeit in München während der NS-Herrschaft“, erzählt Marija Bagarić. „Dann hatten wir die Idee, dass wir dieses Thema auch einmal bei uns vor Ort präsentieren könnten mit den Geschichten von Menschen, die in Wetter (Ruhr) gelebt haben.“ Gesagt, getan: Die beiden Auszubildenden begannen, im Stadtarchiv zu recherchieren.

Zielpunkt war die Woche der Vielfalt (1. bis 10. Oktober) und die Lesung des Doku-Romans „Das Licht in der dunkelsten Nacht am 7. Oktober in der Stadtbücherei. Aus den Recherchen im Archiv mit Stadtarchivarin Stephanie Pätzold entstanden zwei Präsentationen, die nun am 7. Oktober (18 Uhr) in der Bücherei offiziell vorgestellt werden und dort noch bis zum 10. Oktober zu sehen sind.

Marija Bagarić vor der Präsentation in der Stadtbücherei

Und wie liefen die Recherchen ab? Marija Bagaric widmete sich dem Thema „Zwangsarbeit in Wetter (Ruhr). „Ich wusste, dass es viele Millionen Zwangsarbeiter in der NS-Diktatur gab und dass die Lager für Zwangsarbeiter über ganz Deutschland verteilt waren, aber dann zu sehen, wie verbreitet diese Lager auch hier vor Ort waren, hat mich dann doch sehr überrascht.“

Im heutigen Wetter (Ruhr) gab es zwar kein riesiges Zentrallager, aber viele über das Stadtgebiet verteilte Unterbringungen, meistens am Einsatzort: Lagerbaracken an Fabriken, Kellerräume oder Gemeinschaftsunterkünfte in der Landwirtschaft. 1939/40 wurden Tanz- und Festsäle lokaler Gasthöfe von der Wehrmacht oder dem Landesarbeitsamt in Kooperation mit der Stadtverwaltung als Lager für Zwangsarbeiter beschlagnahmt, die bekanntesten waren der „Bauer`scher und der „Düllmanscher“ Saal. Hier wurden jeweils mehrere Dutzend bis weit über hundert Menschen unter elenden Bedingungen zusammengepfercht.

Die Präsentation von Marija Bagarić zeigt auf einem Stadtplan die Standorte der größten Lager im Stadtgebiet, gibt weitere Infos zur Struktur der lokalen Zwangsarbeit und widmet sich auch persönlichen Schicksalen.

Die Gesamtzahl der Zwangsarbeiter in Wetter (Ruhr) ist nicht bekannt, es sind zwischen 1942 und 1945 75 Todesfälle in den Sterbebüchern dokumentiert. Die Gedenkstätte für Zwangsarbeiter auf dem Alten Friedhof an der Bornstraße erinnert an zehn Menschen aus Polen, Russland, Italien und der Ukraine, die hier unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten, im April 1945 in den letzten Kriegstagen elendig ums Leben kamen oder ermordet wurden und hier in einem Sammelgrab bestattet wurden.

„Natürlich macht das etwas mit mir, gerade wenn Kinder beteiligt sind, das bereitet mir einen großen Schauer.“ So blickt Jill Paß auf ihre Beschäftigung mit der Familie Teichmann, deren Schicksal sie mit ihren Recherchen in alten Adressbüchern und den sogenannten Wiedergutmachungsakten im Stadtarchiv und online in den bekannten „Arolsen Archives“ nachvollzogen hat.

Was hat sie herausgefunden? Moritz Teichmann, 1899 im polnischen Sienno geboren, ließ sich in Wetter (Ruhr) nieder, wo er als Kaufmann tätig war. 1921 gründete er einen Papiergroßhandel. Dass er als Kaufmann erfolgreich war, zeigen auch die Einträge in den damaligen Adressbüchern, denn er gehörte zu den wenigen Einwohnern, die bereits über einen eigenen Telefonanschluss verfügten.

1924 heiratete er Herta Klara Teichmann, gebürtige Steinfort. Sie bekamen drei Kinder: Gerhard, Else und Klara. Die Wohnorte der Familie in Wetter (Ruhr) lagen an der Rathenaustraße (heute Kaiserstraße) und der Bismarckstraße.

Dass der Druck auf die jüdische Familie mit den Jahren erheblich zunahm, zeigt, dass Moritz Teichmann seinen Papiergroßhandel im Jahr 1937 unter Zwang verkaufen musste; die Familie zog dann um nach Witten-Annen.

Dort wurden Moritz und Herta gemeinsam mit ihren damals acht, neun und zwölf Jahre alten Kindern am 27. Oktober 1938 verhaftet und tags darauf im Rahmen der sogenannten „Polenaktion“ deportiert.

„Ich konnte aus den Wiedergutmachungsakten dann rekonstruieren, in welche Ghettos und Zwangsarbeitslager die Familie deportiert wurde“, erklärt Jill Paß. Moritz Teichmann musste das unvorstellbare Grauen in den Konzentrationslagern Auschwitz und Majdanek erdulden. Die Familie Teichmann überlebte die Schrecken des Nationalsozialismus. Sie zogen für eine kurze Zeit wieder nach Wetter (Ruhr), Moritz Teichmann übernahm wieder die Führung des Papiergroßhandels. Im Jahr 1951 wanderte die Familie nach Massachusetts in die USA aus, den Papiergroßhandel übergab Moritz an seinen Neffen Max.

„Leider habe ich keine Briefe oder ähnliches bei der Recherche gefunden“, erläutert Jill Paß. „Schade, dass wir diese Lücken haben.“ Aber zwei Funde gibt es dann doch: “Ich habe mich gefreut, dass ich Bilder gefunden habe – ein Passfoto eines Neffen von Moritz Teichmann und ein Hochzeitsfoto – auch wenn wir leider nicht klären konnten, welche der beiden Töchter das Bild zeigt. Ihre Präsentation nennt noch weitere Infos und Erläuterungen rund um das Leben und Schicksal der Familie Teichmann.

Für beide Recherchen gilt: Das Angucken lohnt sich! Also schauen Sie gerne in der Stadtbücherei vorbei!

Jill Paß mit einem alten Adressbuch aus dem Jahr 1927 im Stadtarchiv. Fotos (3): Stadt Wetter (Ruhr)

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